Offener Brief an die FAU Thüringen

Liebe Genoss_innen der FAU Thüringen,

mit Interesse, aber auch mit Irritationen lasen wir Euren Aufruf zur „Lasst es krachen!“-Demonstration am 30.04. wie zu den Gegenaktionen zur Nazi-Demonstration am 1. Mai in Erfurt. In Eurer Analyse des Aufrufs der Neo-Nationalsozialist_innen versucht Ihr herauszustellen, dass die Positionen der Nazis „pseudo-revolutionär“ seien. Euer Ausgangspunkt wie Schluss dieser Analyse ist, dass die „Nazis (…) angekommen sind im System und nur der konsequenteste Ausdruck der ganzen Menschenverachtung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft“ seien. Zur Begründung benennt Ihr den falschen Begriff, den die Nazis sich vom Kapitalismus machen; in seinem Zentrum steht die Aufspaltung des Kapitals in „schaffendes“ und „raffendes“, in Produktion und Spekulation. Mit diesem falschen Begriff der Produktionsverhältnisse seien sie angeblich „der konsequenteste Ausdruck der bürgerlichen Ideologie und damit nützliche Idioten für Staat und Kapital.“

Diese Aufspaltung entspricht aber weder unmittelbar der bürgerlichen Ideologie noch ist sie ihr „konsequentester Ausdruck“. Wie Marx in der Kritik der politischen Ökonomie analysiert und am Ende des dritten Bandes noch einmal fazitär darstellt, erfasst die bürgerliche Ideologie die Produktionsverhältnisse entsprechend der „trinitarischen Formel“ als Kooperation dreier, angeblich gleichermaßen wertschaffender Faktoren: Boden, Arbeit und Kapital. Mit dieser Verkennung des besonderen Charakters der Ware Arbeitskraft gegenüber anderen Waren und dem Charakter des Kapitals als sich durch Arbeit selbst verwertender Wert begründet die bürgerliche Ideologie zwar die Denkbarkeit des Finanzmarkts als von der (industriellen) Produktion getrennten Sphäre, gleichzeitig aber legitimiert diese Trennung die scheinbar losgelösten Spekulationsgewinne, die von Nazis als „raffendes Kapital“ verdammt werden.

Ebenso ist Eure Gleichsetzung von bürgerlicher Ideologie und Rassismus verkürzt, da die bürgerliche Ideologie in ihrer Überhöhung der abstrakten Gleichheit des Tausches als universalistische „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zugleich die Basis für die Kritik eben dieses Rassismus liefert.

Der Antisemitismus der Nazis, der in ihrer Spaltung von „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital zum Ausdruck kommt ist stattdessen, ebenso wie ihr Rassismus, Produkt der falschen Verarbeitung realer Verkehrungen. Der auch am eigenen Leib (als Träger der Ware Arbeitskraft) erlebte Doppelcharakter der Ware als konkretes und abstraktes, die Auflösung personaler Abhängigkeit in formelle Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Austauschbarkeit und anonymer Abhängigkeit sowie die totalisierte Konkurrenz der Individuum darum, vom Kapitalprozess als Objekte erfasst zu werden, sind Bedingungen für die fortwährende Existenz von Antisemitismus und Rassismus in der bürgerlichen Gesellschaft, die auch, aber nicht nur bei Nazis ihren Ausdruck finden.

Die Diagnose, das Antisemitismus und Rassismus nicht nur bei Nazis auftreten, darf jedoch nicht dazu verkommen, die Differenzen zwischen bürgerlicher Vergesellschaftung und Nationalsozialismus zu verwischen: Während erstere im Kern unvernünftige Rationalität ist, die als einziges Ziel die Vemehrung des Kapitals, G-G’ kennt, ist letzterer mehr oder minder rationalisierte Irrationalität, deren eliminatorischer Antisemitismus – in der die Jud_innen als Statthalter des Werts vernichtet werden sollten – der Bruch mit der bürgerlichen Ideologie und ihrer Rationalität ist. Wie Ihr zum Ende Eures Aufrufs feststellt, ist den Nazis der „Nährboden, also die bürgerliche Gesellschaft, zu entziehen.“ Darin stimmen wir Euch gänzlich zu, da der Kapitalismus die Möglichkeit einer Wiederholung der Shoah notwendig in sich trägt. Gleichzeitig, und das ist die Schwierigkeit dieser Aufgabe, ist festzuhalten und in die eigene Praxis einzuschreiben, dass es einen Unterschied ums Ganze zwischen einer auf Kapitalverwertung und einer auf konkreter Vernichtung des abstrakten Wertes zielender Vergesellschaftung und ihrer Ideologien gibt; und im Zweifelsfall ist erstere gegen zweitere zu verteidigen.

Wir sehen uns am 30.04.,
solidarische Grüße,
CC

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2 Gedanken zu „Offener Brief an die FAU Thüringen

  1. Pingback: Zur Unterscheidung von bürgerlicher Vergesellschaftung und Nationalsozialismus « OXYMORON

  2. „und im Zweifelsfall ist erstere gegen zweitere zu verteidigen.“
    – was genau ist mit dieser Aussage gemeint? Dass man doch mal wählen geht, wenn zur Befürchtung steht, dass die NPD die Mehrheit im Bundestag bekommen sollte oder was? Irgendwie ist mir nicht ganz klar, welche Situation man da vor seinem geistigen Auge hat und die außerdem von solcher Aktualität ist, dass man sie zum dramatischen Abschluss dieses offenen Briefes machen muss.

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