warm below the storm. Zu Ausbau und Aufhebung der Universität

Die Werbung der Kampagne, deren zweite Demonstration gegen die aktuellen Kürzungen im Hochschulsektor heute stattfindet, konzentrierte sich vorwiegend auf das Motiv des Todes. Dies mündete nicht zuletzt in der medial erfolgreichen Inszenierung einer »Sensenfrau«, die durch die Korridore und Hörsäle der Jenaer Universität wanderte, um dort Professor_innen aus ihren Vorlesungen abzuführen, deren Lehrstühle durch die Kürzungen bedroht sind. Abseits dieser einprägsamen Metapher fand eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Anlass der Demonstration allerdings kaum statt, was gleich in doppelter Weise problematisch ist.

Zum einen ist eine solche Mobilisierung zwar augenscheinlich geeignet, um in kurzer Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und eine beachtliche Anzahl von Menschen zur Teilnahme an einer Demonstration unter unwirtlichen Witterungsbedingungen zu bewegen – eine längerfristige Bindung der mobilisierten Studierenden an die Proteste unterläuft sie aber, da die Teilnahme am kurzweiligen Protestevent an die Stelle des ständigen Einstehens für die eigenen Interessen tritt. Dieser Effekt wird durch das Todesmotiv noch unterstrichen, ist doch mit dem Beschluss der Umstrukturierungspläne scheinbar jene Endgültigkeit eingetreten, für die die Sense steht. Sollen die Kürzungen auch nach einem solchen Beschluss noch bekämpft und – etwa im Zuge der kommenden Landtagswahl – im öffentlichen Blickfeld gehalten werden, wäre jedoch ein Verständnis von Nöten, welches die sozialen Auseinandersetzungen um Struktur und Finanzierung der Universität nicht als ein- oder zweimalige Teilnahme an einer Demonstration begreift, sondern als politischen Kampf der andauernd geführt werden muss.
Zum anderen ist es auch inhaltlich fragwürdig, lediglich die „Einschränkung des Studienangebots“ oder die „Verschlechterung der Qualität der Lehre“ anzuprangern, ohne klar zu bestimmen, um welche Einschränkungen es überhaupt geht und welche Qualität hier verteidigt werden soll.

Ein Blick auf die Studierendenproteste vergangener Jahre zeigt, dass es drei gängige Argumentationen waren, die den gesellschaftlichen Debatten um die Zukunft der Hochschulen ihren Stempel mal mehr und mal weniger explizit aufgedrückt haben: Das Rekurrieren auf die Bedeutung der Hochschule für den jeweiligen Wirtschaftsstandort, die Betonung der Notwendigkeit beruflicher Qualifizierung und das Einfordern eines Humboldtschen Bildungsideals. Dabei handelt es sich allerdings um Vorstellungen, die von einer selbstbewussten Studierendenbewegung kritisiert werden müssten.

Am deutlichsten weist sich dies am Standortdenken aus, welches die Anerkennung der Universität als Wirtschafts- und Kulturfaktor der eigenen Stadt einfordert, um irgendwelchen Verantwortlichen klarzumachen, dass sie sich mit Kürzungen im Hochschulbetrieb ins eigene Fleisch schneiden würden. In anderen Worten: Kürzungen würden nur kurzfristig Haushaltslöcher stopfen, gingen langfristig aber zu Lasten der Konkurrenzfähigkeit von Hochschule, Stadt und Nation. So einleuchtend dieses Argument anfangs scheinen mag, wird hier genau jene Verwertungslogik reproduziert, die nicht am Ende, sondern am Anfang des ganzen Problems steht und die es erlaubt, das Vorhandene in Nützliches und Unnützes zu unterteilen, das generelle Vorhaben der Strei¬chung unprofitabler Sparten des akademischen Betriebs letztlich also legitimiert. Wirksamer Protest hätte genau diese Logik einer radikalen Kritik zu unterziehen. Mit ihr wird nicht nur qualifizierte Zuwanderung gefördert und nicht- bzw. unpassend qualifizierte Menschen in Hunger und Leid abgeschoben, sondern auch der Mechanismus der erbitterten Konkurrenz zwischen Universitäten, Instituten und Lehrstühlen (Stichwort: Ranking) um Drittmittel weitergetrieben.

Die Forderung nach ausreichender beruflicher Qualifizierung ist hingegen zunächst berechtigt. Derzeit dienen Universitäten nicht zuletzt der Ausbildung beruflicher Fähigkeiten und der Ausstellung entsprechender Zertifikate, die das spätere Bestehen auf dem Arbeitsmarkt sicherstellen sollen. Der Wunsch ohne vermeidbare Nachteile in die berufliche Konkurrenz eintreten zu müssen ist nachvollziehbar und rational. Als sinnvolle Forderung einer studentischen Protestbewegung ist er jedoch nicht geeignet, da sich in ihm letztlich auch nur jene individualisierte Standortlogik ausdrückt, welcher die Hoffnung zu Grunde liegt, die eigene Ausbildung stelle sicher, als Gewinner_in aus der Konkurrenz hervorzugehen. Eine Auseinandersetzung mit der Qualität der Lehre anhand von (kollektiv) selbstbestimmten Kriterien wird so zu Gunsten der blinden Übernahme externer und meist nur vage bestimmter Maßstäbe beruflicher Qualifizierung suspendiert.

Dagegen scheint der Verweis auf das sogenannte Humboldtsche Bildungsideal der Königsweg studentischer Kritik an Reform- und Sparmaßnahmen zu sein, erlaube selbiges doch, sich genau an jenen humanistischen Prinzipien auszurichten, die versprechen, über marktorientierte Logiken des Lernens und Lehrens hinausgehen zu können. Dies ist allerdings ein Irrtum, denn Humboldts Vorstellung des gebildeten Menschen zielt auf eine innere Entfaltung des Individuums qua Bildung, die es nicht auf freie und selbstbestimmte Verhältnisse abgesehen hat, sondern den Mangel an äußerer, d.h. politischer Freiheit kompensieren sollte, durch den sich der Vormärz des 19. Jahrhunderts auszeichnete. Sie war als Elitenprojekt jener Zustände gedacht, in denen die überwiegende Masse der Menschen von Bildung und dem Zugang zu Universitäten ausgeschlossen war. Gerade in ihrer Affirmation der Teilung von innerer und äußerer Freiheit (d.h. von der Freiheit des Gedankens auf der einen und des politischen Handelns auf der anderen Seite) ist Bildung nach Humboldt keine Erziehung zum Widerspruch, sondern zum politischen Gehorsam.

Statt dieser Argumente, die immer noch die gängigen sind, um jedwede Hochschulpolitik wahlweise zu legitimieren oder zu kritisieren, wäre eine Kritik der Hochschulpolitik auf einer inhaltlichen Kritik der Universität und des bürgerlichen Bildungsideals zu fundieren. Mitzudenken hätte sie die Funktion der Universität als Ausbildungsinstitution für Geistesarbeiter_innen, die hochschulinternen Hierarchien zwischen Professor_innen, Angehörigen des Mittelbaus, Studierenden und nicht-wissenschaftlich Beschäftigten und ebenso die Abschottung der Universität nach außen. Sie hätte sich nicht nur dem Zwangskorsett aus Benotung, Abgabefristen und Regelstudienzeiten (inkl. Lang- und Zweitstudiengebühren) entgegenzustellen, sondern auch der institutionell zementierten Trennung zwischen den einzelnen Fächern, die ein unüberwindbares Hindernis wirklich freier Bildung darstellen. Nur eine Kritik, die auf ein solches Verständnis fußt, kann darauf hoffen, nicht selbst zu reproduzieren, was sie zu kritisieren meint.
Für politische Kämpfe ist es jedoch ebenso wichtig zu bestimmen, wofür sie einstehen, d.h. hier, was an der Universität verteidigt und erstritten werden soll. Die bedrohten Stellen und Studienplätze bieten Möglichkeiten, sich bestimmten Zwängen zu entziehen, d.h. etwa nicht zwingend täglich acht Stunden auf der Arbeit zu sein und hin und wieder tatsächlich etwas tun zu können, das eine_n interessiert. So etwas geht nicht nur an der Universität, aber eben auch hier. Sie kann ein Ort sein, der Zeit und Ressourcen bietet, allein oder mit anderen ein gutes Buch zu lesen, Politik zu machen oder einfach morgens mal nicht aufzustehen. Sie ermöglicht es also, sich bestimmten Anforderungen zu entziehen, auch wenn diese Möglichkeiten stets gefährdet sind und deshalb immer wieder aufs Neue errungen und verteidigt – wenn möglich sogar ausgebaut – werden müssen. Kurzum: Die Universität ist zwar kein Freiraum, aber sie ist ein Stützpunkt.
Die Verteidigung dieses Stützpunktes wäre eine angemessene Motivation für Proteste gegen die Kürzungen, die damit jedoch auch nach der (Nicht-)Verhinderung eines entsprechenden politischen Beschlusses noch lange nicht abgeschlossen wären: Eine abgeschaffte Anwesenheitsliste etwa schafft die Möglichkeit zu fehlen und damit Zeit, für Bildung, Politik, Genuss und Faulheit. Weniger Prüfungen werden nicht nur für eine freiere Bildung, sondern auch für ein stressärmeres Leben erkämpft. Eine bessere finanzielle Ausstattung ist dann zu erstreben, wenn sie etwa prekär beschäftigte Lehraufträge in Doktorant_innenstellen verwandelt, mittels derer Menschen zu ihren Lieblingsthemen forschen können.

Das Ziel solcher Proteste wäre dementsprechend nicht die gute Universität, sondern eine Universität, die weniger Zwang ausübt und mehr Ressourcen zur Verfügung stellt. Ressourcen, die Studierende und Lehrende dazu anwenden könnten, die Notwendigkeit ihrer Verwertbarkeit zu reflektieren und deren Abschaffung anzugehen, anstatt sie blind reproduzieren zu müssen.

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3 Gedanken zu „warm below the storm. Zu Ausbau und Aufhebung der Universität

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