Offener Brief an die ATF Jena

Liebe Genoss_innen von der ATF,

in Eurer Kommentierung der Umbenennung der ehemaligen autonomen antifa [f] in kritik&praxis – radikale Linke [f]rankfurt bestimmt Ihr antifaschistische Kritik in Theorie und Praxis: Antifaschismus muss sich „mit Kapitalismus und dessen Kritik beschäftig[en]“ und eine „radikale Kritik“ leisten. Er unterscheidet bürgerliche Vergesellschaftung von vorbürgerlichen Herrschaftsbeziehungen anhand des fortgeschritteneren „Grad[es] der gesellschaftlichen Freiheit“ und muss dementsprechend gegen jede regressive Abschaffung des Kapitalismus antreten. Soweit, so richtig. Der Schluss, den ihr daraus zieht, ist es nun, dass die „einzige ‚Praxis‘“, die ihr für antifaschistisch haltet, die Verteidigung dieser erreichten Freiheit „gegen ihre Gegner“ ist, um den „drohenden Rückfall hinter die Errungenschaften der Moderne zu verhindern“.

Damit konstituiert Ihr einen Gegensatz von ‚erreichtem Freiheitsgrad‘ und seinen Gegner_innen, die ihn – wie der von euch genannte Islamismus – rückgängig machen wollen. Was dabei in die Gefahr gerät, aus der Analyse zu verschwinden, ist die innere Widersprüchlichkeit der ‚Errungenschaften der Moderne‘ und die genetische Verwobenheit ihrer progressiven und regressiven Momente. Wie wir schon in unserem Flugblatt zu Eurer „Highlights, von denen keiner wissen wollte!“-Demo schrieben, ist etwa der Rassismus aus dem Kapitalismus und der durch ihn bedingten Loslösung unmittelbarer Herrschaftsverhältnisse zu verstehen: Das Ende der blutigen Knechtschaft unmittelbarer Verfügungsgewalt des Feudalherren über seine Untertan_innen ist Bedingung für formale Gleichheit vor dem Gesetz, die relative Unabhängigkeit geldvermittelten Tausches und die auf ihr beruhenden Befreiung der Lebensführung von Tradition. Zugleich ist sie Bedingung der Überflüssigkeit, mit der Arbeiter_innen auf dem Markt konfrontiert werden. Die „gewonnene Autonomie gegenüber personaler Herrschaft entpuppt sich als Abhängigkeit von den tendenziell unverstandenen Geschehnissen einer anonymen Struktur. Die entlastende Verschleierung dieses Widerspruchs der bürgerlichen Freiheit ebenso wie die Hoffnung auf Solidarität in der kapitalistischen Konkurrenz“ wird in der Fremdenfeindlichkeit gefunden. Ihre objektivierende Begründung liefert mit der modernen, von der Religion befreiten, rationalen Naturwissenschaft der Rassismus, der selbst ein modernes Phänomen ist.

Die Absicherungsform der in der Moderne errungenen Freiheit von unmittelbarer Herrschaft ist der Nationalstaat, der dort, wo er heutzutage als Rechtsstaat auftritt, die Durchsetzung der Freiheit gegen personale Abhängigkeitsverhältnisse verspricht, etwa indem er es Vätern verbietet, ihre Kinder zu schlagen, Ehemännern verbietet, sexualisierte Gewalt gegen ihre Ehefrauen auszuüben, oder indem er die Beziehung zwischen Kapital und Arbeiter_innen kodifiziert und Arbeitsgerichte schafft. Die Geltung der Rechte für seine Untertan_innen stellt der Staat jedoch über die Konstitution eines Staatsvolkes her, dem die meisten der gewährten Rechte exklusiv zugesprochen werden. Dort, wo auch Nicht-Bürger_innen auf dem Staatsterritorium Rechte zugesprochen werden, sichert der Staat den Zugang entsprechend ab: Frontex und die vermutlich circa 23.000 Toten an den EU-Außengrenzen seit dem Jahr 2000 sind somit nicht als vormodernes Residuum, sondern als spezifisch moderne Form von Herrschaft zu verstehen.

Dem Mangel an Kritik der inneren Widersprüchlichkeit der modernen Vergesellschaftung überhaupt, aus dem eine verkürzte Logik der Verteidigung des Bestehenden resultiert, entspricht ein zweiter Mangel Eures Textes. Ganz wie die von Euch kritisierten Antinationalen macht Ihr ‚die Moderne‘ und den Kapitalismus zum Gegenstand Eurer Analyse. Wo der „abstrakte Antinationalismus“ der Antinationalen „vor dem Staat Israel nicht halt[macht]“, hält Eure Analyse Deutschland nicht mehr für thematisierenswert. Weder bei der Analyse der Bemühungen der antisemitischen Demonstrationen, sich in eine Kontinuität zum Nationalsozialismus zu stellen, indem etwa Jud_innen der Gastod gewünscht wird, noch in der spezifisch deutschen Tradition etwa des deutschen Staatsbürgerschaftsrechtes oder der deutschen Osteuropapolitik. Der „erreichte Grad der gesellschaftlichen Freiheit“, den es zu verteidigen gelte, ist in Deutschland nicht zuallererst durch Antinationale oder Islamist_innen bedroht, sondern durch die antiaufklärerischen Tradition Deutschlands, die schon in ihrer Konstitution misstrauisch gegen geldvermittelten Austausch, vermittelte Herrschaft und abstrakte Vergesellschaftung war und deren Träger_innen in der deutschen Linken ebenso zu finden sind wie bei Grünen, CDU usw. Die Analyse der deutschen Gesellschaft und des deutschen Staates als postnazistische droht, hinter Eurer abstrakten Verteidigung ‚der Moderne‘ zu verschwinden. Mit ihr verschwindet auch das Bewusstsein dafür, als Antifaschist_innen selbst konkret, und das heißt hier: in Deutschland, zu sein. Eine Situation, die statt des zu Recht kritisierten „abstrakten Antinationalismus“ Solidarität mit Israel ebenso fordert wie einen konkreten, gegen die deutsche Nation gerichteten Antinationalismus.

Diese Ausführungen sollen nicht zu einem Missverständnis führen. Wir teilen Eure Ansicht, dass an der modernen Vergesellschaftung und ihrer Freiheit etwas verteidigenswertes ist ebenso, wie das diese Verteidigung auch gegen ihre Abschaffungsversuche von links nötig ist.
Der Gegensatz ist jedoch keiner, der ‚der Moderne‘ äußerlich ist, sondern ihr konstituierendes Moment. Nicht Gegner_innen bedrohen die ‚Errungenschaften der Moderne‘, sondern die Bedingungen der relativen Freiheit sind zugleich die Bedingungen der Barbarei – die Moderne ist gegen sich selbst zu verteidigen. Ihr großes Versprechen, dass das pursuit of happiness ein Recht jedes und jeder Einzelnen ist, ist gegen Antisemit_innen jeglicher Couleur zu erkämpfen, ob nun Autonome, Islamist_innen oder Oberbürgermeister_innen.

Dieses Versprechen liegt aber auch dem Kampf um das Selbstbestimmungsrecht von Menschen über ihr Geschlecht und ihren Körper sowie dem Kampf Papierloser gegen die deutschen Asylgesetze und für ein Aufenthaltsrecht zu Grunde – Antifaschismus wäre es also, auch diese Kämpfe zu unterstützen. Das bedeutet, dass die Verteidigung der Moderne mit ihrer sozialen wie juristischen Realität in Konflikt geraten kann: Hinter den Stand der rechtsstaatlich garantierten Freiheiten als Möglichkeitsbedingungen dieses Versprechens zurückzufallen, ist zu verhindern, bei ihm stehenzubleiben, hieße jedoch, das Versprechen als Ganzes zu verraten.

Solidarische Grüße,
CC – Sektion Jena/Erfurt

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Ein Gedanke zu „Offener Brief an die ATF Jena

  1. Hat dies auf Practical3mancipation rebloggt und kommentierte:
    „Hinter den Stand der rechtsstaatlich garantierten Freiheiten als Möglichkeitsbedingungen dieses Versprechens zurückzufallen, ist zu verhindern, bei ihm stehenzubleiben, hieße jedoch, das Versprechen als Ganzes zu verraten.“

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