Trauern um ein untotes Volk

Jedes Jahr findet zwei Sonntage vor dem ersten Advent der sogenannte ‚Volkstrauertag’ statt. Zur ‚zentralen Gedenkstunde’ versammeln sich die Funktionsträger_innen des deutschen Staats im Bundestag und lauschen einer Begrüßungsansprache des Präsidenten des Volksbundes, Reden sowie dem ‚Totengedenken’ des Bundespräsidenten.

Was ist das für ein Tag, zu dem 2014 Markus Meckel, der Präsident des Volksbundes, vor dem versammelten Parlament und Kabinett sowie dem Bundespräsidenten, dem Präsidenten des Bundesrats, anwesenden Ministerpräsident_innen und Bischöfen und Delegationen aus verschiedenen europäischen Ländern spricht – und dabei den anwesenden Shoa-Überlebenden und ehemaligen israelischen Botschafter Avi Primor und den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Berlins, Gideon Joffe, damit beleidigt, dass er Helmut Kohls Kranzniederlegung 1985 in Bitburg, mit der er die dort begrabenen SS-Soldaten ehrte, als Vorbild für deutsches Gedenken zu benennen. Mehr noch, zu behaupten, dass sowohl „Nazis und ihre Gegner, Menschen die mit Begeisterung oder widerwillig in den Krieg zogen“ „Menschen, die [die] schlimmsten Verbrechen begangen haben“ gemeinsam zu gedenken sei, da „die meisten von ihnen [] keine Wahl [hatten]“.

Jetzt wäre es einfach, eine solche Ehrenrettung für die SS- und Wehrmachtssoldaten, die auf den ‚killing fields’ Osteuropas Millionen Jüdinnen und Juden sowie im totalen Krieg Millionen andere Bewohner_innen der eroberten Gebiete ermordeten, mit der Anliegen der Organisation erklären, deren Vorsitzender Herr Meckel ist. Der Volksbund, den meisten eher als ‚Deutsche Kriegsgräberfürsorge’ bekannt, wurde 1919 in Sorge um die im Ausland begrabenen toten deutschen Soldaten gegründet und hatte in der Weimarer Republik mehrere zehntausende Mitglieder. Erfolgreich wurde er erst mit dem von den Offiziellen und Mitgliedern des Volksbunds bejubelten Aufstieg des Nationalsozialismus, mit dem er nach 1933 verschmolz und in dem er Träger der ‚Heldenehrung’ wurde. Folgerichtig 1945 verboten beantragte die Bayrische Regierung 1946 die Wiedergründung und seit 1947 arbeitet der Volksbund mit altem Programm auch im Auftrag der Bundesregierung.

Doch diese an Holocaustrelativierung grenzende Schuldabwehr als Haltung eines revanchistischen Vereins zu verstehen, würde zu kurz greifen, vielmehr ist er als der angemessene Ausdruck dessen zu verstehen, was der Volkstrauertag ist.

Der Name setzt die Begriffe ‚Volk’ und ‚Trauer’ in ein Verhältnis. Getrauert wird nicht um das Volk; das ‚Totengedenken’ des Bundespräsidenten richtet sich explizit auf „Kinder, Frauen und Männer aller Völker“. Bleibt also noch die Möglichkeit, dass es das Volk ist, das trauert; verkörpert durch seinen Avatar, den Bundespräsidenten. Zugleich werden in den Reden immer wieder Familien heraufbeschworen, die um ihre Vorfahren trauern, ihre individuelle Trauer ist es, die dem Volkstrauertag scheinbar seine Berechtigung verleiht. Diese individuelle Trauer fungiert jedoch stellvertretend für das Kollektiv, das Affekte nur durch seine Mitglieder entfalten kann.

Trauer nun ist, mit Freud gesprochen, eine psychische Reaktion auf den Verlust eines geliebten Objekts, etwa eines Menschen. Die auf das Objekt gerichtete Triebenergie – Neigung, Liebe, Affektionen aller Art – sollen in der Trauer von dem Objekt abgezogen werden, um wieder neu auf ein anderes Objekt gerichtet werden zu können. Gelingt dies nicht, mangelt es dem Subjekt auf Dauer an dieser Triebenergie, Melancholie ist die Folge. Trauer ist also die nachholende Integration des Verlusts in das eigene psychische System, in ihr wird der Verlust akzeptiert. Trauer zielt damit auf ihre eigene Abschaffung.

Bemerkenswert unter diesem Gesichtspunkt ist, dass in der Begrüßungsansprache des letzten Jahres die hundertste Jährung des Ersten Weltkriegs genutzt wurde, um an die getöteten Soldaten dieses Krieges zu erinnern. Um Trauer kann es sich hierbei kaum handeln, die Zahl der noch Lebenden, die um die Getöteten trauern können, wird 100 Jahre später verschwindend gering sein. Konsequenterweise spricht Herr Meckel auch von „Denk-“ bzw. „Mahnmälern“ und Gräbern, die zu „Lernorten“ werden können. Gelernt soll von den Gräbern der Toten des Ersten Weltkriegs Deutschlands Anteil an der „gemeinsamen europäischen Verantwortung für Frieden und Recht“ bei der Deutschland „nicht mehr nur Beobachter, sondern Teil dieser Realität“ ist. Es geht also mitnichten um den Abzug von gebundener Triebenergie von einem Objekt, sondern um den Aufbau einer solchen Triebbindung an ein Objekt. Dieses Objekt sind nicht die Toten des Ersten oder Zweiten Weltkrieges, denen in einem Atemzug mit gefallenen Soldaten des Afghanistankrieges gedacht wird, sondern dasjenige, was sie alle verbindet: Deutschland. Ihnen allen ist gemein, dass sie für Deutschland gestorben sind, ob in Verdun, Stalingrad oder Masar-e Scharif. Ihr Tod, der in individueller Trauer vernünftigerweise zu der Einsicht führen würde, dass nichts und schon gar keine Nation es wert sein kann zu sterben, wird instrumentalisiert, um genau diese individuelle Trauer um einen Toten gegenüber den Millionen Gefallenen zu marginalisieren. Der einzelne Tote wird entindividualisiert und geht letztlich im Volkskörper auf, der ihn überdauert – getreu des Mottos, das auf dem als ‚Kriegsklotz’ bekannten Kriegerdenkmal in Hamburg prangt: „Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen“.

Diese Instrumentalisierung der Toten wird da besonders widerlich, wo auch diejenigen, die auf gänzlich andere Weise „für Deutschland“ sterben mussten – in diese sogenannte Trauer eingemeindet werden: die Opfer von Shoa, Porajmos, der Euthanasiemorde, der ermordeten Widerständler_innen und aller anderen von den Deutschen umgebrachten. Ihr Tod dient am Volkstrauertag dazu, ein Deutschland und ein deutsches Volk hervor zu rufen, das aus seiner Geschichte gelernt hat und an ihr gereift ist. Gerade dies macht die deutsche Geschichte zu einer Erfolgsgeschichte; ein Aspekt den Herr Meckel stolz betont, wenn er sagt, dass die „intensive und offene Auseinandersetzung mit unserer Geschichte [] uns in Europa und dieser Welt zu viel Achtung und Anerkennung verholfen“ hat. In dieser Erfolgsgeschichte bewahrt sich gerade die Kontinuität des deutschen Volkes, das sich so in besonders schwierigen Zeiten bewährt hat.

Der Volkstrauertag dient also nicht der Trauer um Tote, sondern dazu, eine libidinöse Bindung an das deutsche Volk zu erzeugen und aufrechtzuerhalten. Die Toten und die individuelle Trauer über ihren Verlust werden dazu instrumentalisiert und zugleich marginalisiert. Das, was ihnen gemeinsames ist wird zu dem einzig Erinnerungswerten an ihnen: dass sie statt ein mehr oder minder glückliches Leben zu führen für Deutschland sterben mussten. Deutschland wird so zum Gegenteil sowohl individueller Trauer als auch des Lebens. Ein Sachverhalt, der in einem Lied der Band Slime, in Reaktion auf den erwähnten ‚Kriegsklotz’, adäquat beantwortet wurde, in dem es heißt:
„Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“

Club Communism – Sektion Jena/Erfurt

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