‚Es gibt keinen Kommunismus, weil es Deutschland gibt‘[1]

Das Motto der heutigen Nachttanzdemo „Ihr trauert, wir feiern“ hat uns irritiert, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zunächst einmal provoziert es die Frage, was es denn zu feiern gibt. Man könnte meinen, da wo das deutsche Volk trauert, gibt es etwas zu feiern. Anlässlich des sogenannten ‚Volkstrauertags‘ wird von Seiten des deutschen Staats und dem ‚Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge‘ aber nicht nur Deutschen gedachten, sondern den „Opfer[n] von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker“. Es wird den deutschen „Soldaten, die in den Weltkriegen starben“ gedacht, ebenso wie „Vertriebene[n] und Flüchtlinge[n],“ die „ihr Leben verloren“ und auch allen Verfolgten im Nationalsozialismus. Mehr noch, auch „Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,“ „die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung“, die gestorbenen „Bundeswehrsoldaten“ sowie alle, „die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind“ sind Gegenstand des Totengedenkens, das jedes Jahr vom Bundespräsidenten verlesen wird.

Dieses Gedenken an alle, die sich nicht mehr dagegen wehren können, dass der deutsche Staat ihnen gedenkt, zeigt schon an, dass es am Volkstrauertag nicht so sehr um Trauer geht. Wie wir letztes Jahr in unserem Redebeitrag zur Demonstration in Friedrichroda dargestellt haben, ist die Bezeichnung ‚Volkstrauertag‘ irreführend, aber nicht zufällig. Denn es steht nicht individuelle Trauer um eine verlorene Person im Zentrum, sondern genau deren Verdrängung. Statt dem individuellen Leid steht im Zentrum des ‚Volkstrauertages‘ das Gemeinsame, das alle im Totengedenken genannten Gruppen von Toten teilen: Sie alle sind wegen Deutschland gestorben.

Letztes Jahr schrieben wir:
„Trauer [] ist, mit Freud gesprochen, eine psychische Reaktion auf den Verlust eines geliebten Objekts, etwa eines Menschen. Die auf das Objekt gerichtete Triebenergie – Neigung, Liebe, Affektionen aller Art – sollen in der Trauer von dem Objekt abgezogen werden, um wieder neu auf ein anderes Objekt gerichtet werden zu können. Gelingt dies nicht, mangelt es dem Subjekt auf Dauer an dieser Triebenergie, Melancholie ist die Folge. Trauer ist also die nachholende Integration des Verlusts in das eigene psychische System, in ihr wird der Verlust akzeptiert. Trauer zielt damit auf ihre eigene Abschaffung.
Es geht [beim Volkstrauertag aber] mitnichten um den Abzug von gebundener Triebenergie von einem Objekt, sondern um den Aufbau einer solchen Triebbindung an ein Objekt. Dieses Objekt sind nicht die Toten des Ersten oder Zweiten Weltkrieges, denen in einem Atemzug mit gefallenen Soldaten des Afghanistankrieges gedacht wird, sondern dasjenige, was sie alle verbindet: Deutschland. Ihnen allen ist gemein, dass sie für Deutschland gestorben sind, ob in Verdun, Stalingrad oder Masar-e Scharif. Ihr Tod, der in individueller Trauer vernünftigerweise zu der Einsicht führen würde, dass nichts und schon gar keine Nation es wert sein kann zu sterben, wird instru-mentalisiert, um genau diese individuelle Trauer um einen Toten gegenüber den Millionen Gefalle-nen zu marginalisieren. Der einzelne Tote wird entindividualisiert und geht letztlich im Volkskörper auf, der ihn überdauert – getreu des Mottos, das auf dem als ‚Kriegsklotz’ bekannten Kriegerdenkmal in Hamburg prangt: ‚Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen‘.
Diese Instrumentalisierung der Toten wird da besonders widerlich, wo auch diejenigen, die auf gänzlich andere Weise ‚für Deutschland‘ sterben mussten – in diese sogenannte Trauer eingemeindet werden: die Opfer von Shoa, Porajmos, der Euthanasiemorde, der ermordeten Widerständler_innen und aller anderen von den Deutschen umgebrachten. Ihr Tod dient am Volkstrauertag dazu, ein Deutschland und ein deutsches Volk hervor zu rufen, das aus seiner Geschichte gelernt hat und an ihr gereift ist.“
Deutschland wird so zum Gegenteil einer wirklichen Trauer um den Verlust.

Aber nicht nur der erste Teil des heutigen Demonstrationsmottos – „Ihr trauert, wir feiern“ –irritiert uns, da Deutschland nicht nur das Gegenteil wirklicher Trauer ist, sondern auch das Hindernis für ein wirkliches Feiern. Dem, was es zu feiern gäbe – die Emanzipation von elenden Verhältnissen, die freie Entfaltung jeder und jedes Einzelnen als Grundbedingung der freien Entfaltung aller – ist Deutschland als Idee und Realität schon immer ein Gegner gewesen.

Deutschland als politisches Projekt entstand zu Zeiten Napoleons in der Widerstandsbewegung gegen die französische Herrschaft über deutschsprachige Gebiete. Als solches war es untrennbar mit antifranzösischer Fremdenfeindlichkeit verknüpft, aber eben auch mit der Ablehnung der als undeutsch verschmähten Werte der französischen Revolution. Die Burschenschaftsbewegung, eine der Keimzellen des deutschen Nationalismus, verbrannte dementsprechend 1817 beim ‚Wartburgfest‘ den ‚Code Civil‘, also das republikanische Zivilrecht Frankreichs ebenso wie antinationalistische Schriften des jüdischen Autors Saul Ascher. Diese Verbrennungen wurden von der antisemitischen Drohung an alle deutschen Jüdinnen und Juden begleitet.
Die deutsche Idee war von Anfang an untrennbar durch Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus konstituiert. Dieses Projekt realisierte sich aber nicht, wie von den Burschenschaften anvisiert auf Druck des Volkes unter den Farben Schwarz-Rot-Gold, sondern es realisierte sich durch die militärische Außenpolitik Preußens im Rahmen mehrerer Einigungskriege schließlich als Produkt des deutsch-französischen Kriegs von 1870 unter schwarz-weiß-rot. So verschmolzen Deutschland, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus mit dem preußischen Militarismus und Junkertum und bereitete so die Bedingungen für den Aufstieg des Nationalsozialismus.

Die organisierte Arbeiter_innenbewegung in Deutschland war Ende des 19. Jahrhunderts die zahlenmäßig größte und bestorganisierteste. Sie entpuppte sich 1914 als deutsche Arbeiter_innenbewegung. Die SPD stimmte den Kriegskrediten zu und willigte somit in das Diktum des deutschen Kaisers Wilhelm II. ein: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“.
Als sich Arbeiter_innen 1918 in der Novemberrevolution versuchten, von Deutschland zu emanzipieren, fiel die SPD ihnen in den Rücken. Sie ließ nicht nur Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermorden, sondern zerschlug 1919 auch die durch den SPD-Ministerpräsidenten von Bayern als „Diktatur der Russen und Juden“ bezeichnete Münchner Räterepublik mit Hilfe von Freikorpsverbänden, die teils schon damals das Hakenkreuz auf dem Helm trugen. Diese deutsche Arbeiter_innenbewegung war entsprechend auch nicht in der Lage, dem Nationalsozialismus und seinem eliminatorischen Antisemitismus wirksamen Widerstand entgegenzustellen.

Nachdem die alliierten Truppen das schwarz-weiß-rote Deutschland 1945 bezwungen hatten, war es die Emanzipationsfeindlichkeit, die deutsche Kader des Nationalsozialismus in der BRD zügig wieder auf ihre alten Posten brachte. Im Kalten Krieg war eine antikommunistische Einstellung gefragt, und so griff das schwarz-rot-goldene Deutschland auf die nationalsozialistische Expertise zurück. 1950 waren 50 Prozent der Mitarbeiter_innen des Innenministeriums der BRD ehemalige NSDAP-Mitglieder (im Innenministerium der DDR waren es immerhin bloß 20 Prozent). Dieser Anteil stieg in den nächsten Jahren sogar noch an, während etwa im Bundeskriminalamt im Zeitraum 1949 bis 1970 drei von vier Mitarbeiter_innen ehemaliges NSDAP-Mitglieder waren.
Und so wundert es nicht, dass ehemalige Mitglieder der NSDAP, der SA oder Fördermitglieder der SS in der Bundesrepublik auch Arbeitgeberpräsident, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz oder des Bundesverfassungsgerichts, Bundeskanzler oder Bundespräsident[2] werden konnten. Währenddessen erfuhren nicht wenige, die aufgrund ihrer politischen Aktivität im Nationalsozialismus verfolgt wurden, auch in der BRD staatliche Repression.

Die Berufsverbote des ‚Radikalenerlasses‘ von 1972, der formell noch in Kraft ist, das Gedenken an gefallene SS-Soldaten in Bitburg durch Helmut Kohl oder eben die alljährliche Ehrung der gefallenen deutschen Täter_innen am morgigen Tag stehen in bester deutscher Tradition, soviel sollte an diesen kurzen Schlaglichtern deutlich geworden sein. Deutschland als fremdenfeindliche und antisemitische Idee und als Realität steht der freien Entfaltung aller Menschen entgegen, es stellt sich aber als im Kern antikommunistische Idee und Realität auch dem Kampf um diese freie Entfaltung entgegen: Deutschland muss sterben, damit wir feiern können!

Club Communism – Sektion Jena/Erfurt

  1. So Daniel Kulla auf seinem und Istari Lasterfahrers Album ‚Auf- & Zustände‘. (zurück)
  2. Hanns Martin Schleyer, Hubert Schrübbers, Gebhard Müller, Kurt Georg Kiesinger, Walter Scheel. (zurück)
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