Gebt mir eine Uniform

Wie wir in unserem Redebeitrag vor zwei Jahren deutlich gemacht haben, dient der

„Volkstrauertag [] nicht der Trauer um Tote, sondern dazu, eine libidinöse Bindung an das deutsche Volk zu erzeugen und aufrechtzuerhalten. Die Toten und die individuelle Trauer über ihren Verlust werden dazu instrumentalisiert und zugleich marginalisiert. Das, was ihnen gemeinsam[] ist wird zu dem einzig Erinne-rungswerten an ihnen: dass sie statt ein mehr oder minder glückliches Leben zu führen für Deutschland sterben mussten.“

Nicht ein Gedenken an gestorbene Individuen findet also statt, sondern stattdessen werden Gestorbene als Kollektiv heraufbeschworen, um eine Identifikation mit ihrem Todesgrund – Deutschland – hervorzurufen. Die Entindividualisierung der Opfer hat dabei auch eine Wirkung auf diejenigen, die scheinbar um sie trauern. Besonders deutlich wird dies beim sogenannten ‚Heldengedenken‘ der Nationalsozialisten (und wenigen Nationalsozialistinnen) hier in Friedrichroda. Höhepunkt der Kundgebung ist jedes Jahr ein Ritual, in dem ein Vorsprecher skandiert „Soldaten des Heeres [der Marine, Luftwaffe, Waffen-SS, des Volkssturms], ich rufe euch“, und die Menge mit einem kollektiven „Hier!“ die Rolle der gestorbenen Soldaten einnimmt. Der Ritus dient also nicht nur der Identifikation mit Deutschland, sondern auch der Identifikation mit den gestorbenen Soldaten selbst.

Das diese dabei als „Helden“ bezeichnet werden, mag irritieren. Helden sind, von aus der Antike überlieferten Figuren wie Odysseus bis zu den Helden der modernen Populärkultur wie etwa Batman oder Spider-Man, aus der Masse herausragende Individuen. Sie qualifizieren sich durch ihre spezifischen, ihnen eigenen Fähigkeiten – ob diese nun intellektueller oder körperlicher Art sind, angeboren oder erworben sind, oder auf dem Besitz besonderer Ressourcen beruhen – zu Helden. Durch diese lösen sie Aufgaben, die dem nicht-heroischen Durchschnitt unlösbar sind und gehen aus ihnen als Sieger hervor. Die ‚Helden‘ des ‚Heldengedenkens‘ erscheinen als das genaue Gegenteil dieser Helden: Zunächst einmal sind sie keine Sieger, sondern Verlierer; sie haben die Aufgabe, die sich ihnen stellte, nicht gelöst, sondern sind daran gescheitert. Zudem verfügen sie über keine individuellen Fähigkeiten und ragen auch nicht aus der Masse heraus, im Gegenteil, sie erscheinen im ‚Heldengedenken‘ als eben diese entindividualisierte Masse. Die einzige Fähigkeit, die sie als ‚Helden‘ qualifiziert, ist, dass sie für Deutschland gestorben sind – ihre Treue bis in den Tod.

Odysseus und Spider-Man, die Helden unserer Gesellschaft, repräsentieren dabei das Ideal einer bestimmten Männlichkeit: Individuen, die durch ihre Selbstbeherrschung ihre je individuellen Fähigkeiten einsetzen, um die äußere Natur zu beherrschen und sich gegen diese durchzusetzen – verkörpert in einer Kette von Aufgaben, die ihnen meist personalisiert als Gegner_innen, der Zyklop und Kirke, Vulture und Doctor Octopus, gegenübertreten. Die Helden erreichen schließlich ihr Ziel und bemeistern die Welt, die ihnen damit zu eigen wird: klassisch indem sie ihre Regentschaft und ihre Frau zurückgewinnen, oder indem sie einen Schatz erbeuten – modern, indem sie schlicht ihre Lieben oder die Welt gerettet haben, so dass sie deren Weiterexistenz als abhängig von ihrem heroischen Handeln begreifen können. Sie sind damit das Idealbild des Bürgers: Auf sich gestellt und von der Welt unabhängig sind sie in der Lage, ihre Triebe einem übergeordneten Zweck unterzuordnen, den sie qua ihrer Fähigkeiten verfolgen und in der – feindlichen – Welt auch gegen andere Akteure durchsetzen können.

Von dieser heroischen, bürgerlichen Männlichkeit ist bei den ‚Helden‘ des ‚Heldengedenkens‘ bloß noch ein Aspekt übrig: Die Selbstbeherrschung. Sie dient dabei nicht mehr, wie bei der bürgerlichen Männlichkeit, als Mittel, um sich selbst als Instrument der eigenen Weltbemeisterung zu erfassen und den eigenen autonomen Willen durchzusetzen, sondern wird einem fremden Willen und seinem Befehl untergeordnet. Dieser fremde Wille formiert aus den ihm Unterordneten ein Kollektiv, das unter seiner Führung die Weltbemeisterung in Angriff nimmt, die individuell je aufgegeben wurde. Dabei steigert die Unterordnung die Selbstbeherrschung ins Irrationale; die Beherrschung der eigenen Natur schlägt um in die Bereitschaft zu ihrer Negation, sie wird zur Treue bis in den Tod, und findet schließlich genau darin ihre Bestätigung. Dass die Soldaten gestorben sind, also ihr individuelles Bedürfnis, weiter zu leben, sie nicht motiviert hat, zu fliehen, zu desertieren oder sich zu ergeben, sondern sie dieses Bedürfnis und sich selbst so radikal zu negieren bereit waren, beweist ihr ‚Heldentum‘. Wo der Sieg des Helden der bürgerlichen Männlichkeit entsprechend auch Familiengründung, materielle Versorgung oder zumindest Sicherheit für die Angehörigen bedeutet, bringen die ‚Helden‘ der soldatischen Männlichkeit ihren Angehörigen bloß die ‚Familienehre‘, die ein ‚Gefallener‘ im Stammbaum bedeutet.

Dieses Ideal soldatischer Männlichkeit ist dabei nicht für alle Männer ansprechend – was die vergleichsweise geringe Popularität des Volkstrauertags unter den deutschen Nationalfeiertagen erklären mag. Will Mann im zeitgenössischen Kapitalismus als Gewinner dastehen, eignet sich die soldatische Männlichkeit nicht – zu sehr widerspricht sie den aktuell-kapitalistischen Anforderungen an Selbststeuerung, Flexibilität und dynamischer und individueller Selbstgestaltung, denen der Mann heute auf dem Arbeitsmarkt, aber ebenso in der Freizeit begegnet. Der Held von heute ist viel eher ein Buisness-Punk – und nicht zufällig stellt sich Iron Man, eine der beliebtesten Superhelden heute, im bisher ökonomisch erfolgreichsten Superheldenfilm aller Zeiten („The Avengers“ von 2012) als „Genius, Billionaire, Playboy, Philanthropist“ vor, und Batman antwortet, im gerade erschienenen Film „The Justice League“ auf die Frage, was seine Superkraft sei: „I’m rich.“

Männer, die diesem Ideal entsprechen wollen, bietet die Identifikation mit den gestorbenen Soldaten zweier verlorener Weltkriege kein Versprechen. Folgerichtig findet man bei Veranstaltungen zum Volkstrauertag – neben den Vertreter_innen des deutschen Staats – nicht die männliche Mitte der Gesellschaft, sondern nahezu nur Nationalsozialisten, Reservisten und Burschenschaftler, also Gruppen, die darüber funktionieren, eine Entlastung von den Anforderungen an individueller Flexibilität und Agilität zu bieten. An den Burschenschaften wird dabei deutlich, dass es sich bei den Männern, die nicht der Anforderung entsprechen können oder wollen, dem heroisch-bürgerlichen Gewinnertyp zu entsprechen, nicht gesamtgesellschaftlich gesehen um Verlierer oder Abgehängte handeln muss. Als Akademiker aus meist bürgerlichem Milieu, die höchstwahrscheinlich nicht von Akademiker_innenarbeitslosigkeit bedroht sind, bilden sie keinesfalls die Abgehängten dieser Gesellschaft. Dennoch entspricht das Bild soldatischer Männlichkeit, das bei Burschenschaften mit ihren sinnlosen Trinkritualen und ihrer Pflichtmensur, deren Zweck jeweils die Unterwerfung der eigenen Natur unter einen fremden Willen ist, nicht mehr den gesellschaftlichen Anforderungen an die Erziehung zur Elite. Während im 19. Jahrhundert die Burschenschaften eine geeignete Vorbereitung auf den Staats- und Militärdienst, auf Befehl und blinden Gehorsam gewesen sind, benötigen die gesellschaftlichen Eliten heute wie erwähnt Anpassungsfähigkeit, kulturelle Kompetenzen, die Fähigkeit in flachen Hierarchien zu führen und zu Diversity Management – das Gegenteil der burschenschaftlichen Praxis. Wer dazu in der Lage ist, geht nicht in die Burschenschaft, und so sammeln sich in ihnen diejenigen, die zwar aufgrund ihrer privilegierten Herkunft in die gesellschaftliche Elite hinein geboren werden, aber von ihren Anforderungen überfordert sind – sie sind es, die die soldatische Männlichkeit als Gegenbild zur individuellen Leistungsfähigkeit brauchen und wünschen. Statt alleine der überfordernden Wirklichkeit ausgesetzt zu sein, bekommen sie das Versprechen auf Kameradschaft auch bei individueller Unfähigkeit einerseits und andererseits das Versprechen, das Gehorsam die einzige Fähigkeit ist, die sie benötigen, um in dieser Gesellschaft zu bestehen.

Soldatische Männlichkeit ist damit eine Rückzugsform der Männlichkeit in einer Krise der Überforderung und der Volkstrauertag ein Fokuspunkt für diese Männlichkeit. Nicht zufällig folgte seine Einführung in der Weimarer Republik auf das Trauma des ersten Weltkriegs. 1914 stürzten sich die deutschen Männer begeistert in den Krieg, weil er das Versprechen barg, als heroischer Kämpfer aus siegreicher Schlacht zurückzukehren. Der andauernde Stellungskrieg und die Bedeutung der Maschinerie in diesem industriellen Krieg enthüllte dieses Versprechen als Schein, ebenso wie die Tatsache, dass der Krieg und mit ihm das Kaiserreich und die gewohnte Ordnung verloren war – und mit der Weimarer Republik gar das Frauenwahlrecht eingeführt wurde.

Auch heute entfaltet sich der Reiz soldatischer Männlichkeit im Angesicht einer doppelten Krise der Männlichkeit. Das Ende des Familienernährermodells und damit der privaten Herrschaft der Männer über ihre Ehefrauen und die schließlich folgende zunehmende Prekarisierung der Lohnarbeit einerseits, die erfolgreichen Kämpfe der Frauenbewegung ebenso wie die Kämpfe queerer Bewegungen andererseits, bilden für manche Männer den Ausgangspunkt für eine Flucht in die soldatische Männlichkeit – aktuell in zunehmenden Maße, wie die antifeministischen Männerbewegungen wie PEGIDA und ihre Partei, die AfD [2], ersichtlich werden lassen. Diese neue Popularität soldatischer Männlichkeit stellt dabei für emanzipatorische Kämpfe eine Gefahr dar: Einerseits steht sie einer Emanzipation vom männlichen Geschlechtscharakter, der für eine befreite Gesellschaft notwendig ist, diametral entgegen, andererseits verneint ihre Unterordnung der eigenen Natur unter den Kollektivzweck die an den eigenen Leib gekoppelte Rationalität. Anhänger bürgerlicher Männlichkeit sind aufklärbar, da sie ihre Männlichkeit ihren individuellen, vitalen Zwecken unterordnen, die Realität also eine Reflexionsfläche für die Irrationalität ihrer Männlichkeit bietet. Anhänger soldatischer Männlichkeit geben in der Tendenz ihre leibliche Rationalität auf – das gesteigerte Extrem dieser Aufgabe ist bei den Selbstmordattentätern im Islamismus zu beobachten. Aber auch bei nationalistischen Attentätern wie Anders Breivik oder James Alex Fields Jr. (der mit seinem Auto in antifaschistische Demonstrant_innen in Charlottesville fuhr) deutet die Tatausführung, die nicht auf eine Fluchtmöglichkeit zielte, auf das Ideal soldatischer Männlichkeit hin. Für antifaschistische Praxis bedeutet das, dass sie gegenüber soldatischer Männlichkeit sowohl an Grenzen der Aufklärbarkeit als auch Grenzen der abschreckenden Prävention – etwa durch Outings – stößt und den antifaschistischen und feministischen Selbstschutz organisieren muss.

Club Communism – Sektion Jena/Erfurt

  1. Die AfD bietet dabei für beide Männlichkeitsbilder – soldatische wie heroisch-bürgerliche, einen Bezugspunkt, was einer der Gründe ist, warum ihre Reichweite die der klassisch nationalsozialistischen Parteien mit ihrem Gewicht auf soldatische Männlichkeit übersteigt. (zurück)
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